Juli Zeh Unterleuten – mein Lieblingstitel des Bücherfrühlings!

Cover_Zeh_UnterleutenIn dem beschaulichen brandenburgischen Dorf „Unterleuten“, eine Autostunde von Berlin entfernt, ist ganz schön was los. Hier geht es nicht um schnöde Dorfidylle, sondern um die menschlichen Abgründe, die besonders zutage treten, wenn Menschen ihr Leben auf engem Raum miteinander verbringen. Zugegeben ein ausgetretenes Motiv, aber Juli Zeh hat ein komplexes Figuren- und Beziehungsgeflecht konstruiert, das äußerst unterhaltsam ist.

Die Kapitel sind nach den Figuren benannt, aus deren Sicht jeweils geschildert wird. Wie in einem Kammerspiel sehen wir dabei zu, wie die unterschiedlichsten Charaktere mit verschiedenen Vergangenheiten und Erfahrungen aufeinander treffen. Es werden Intrigen gesponnen und jeder handelt letztendlich zu seinem Vorteil. Dadurch, dass aus der Sicht der einzelnen Figuren geschildert wird, erfahren wir ihre Handlungsmotive, die oft andere sind, als die andere Figuren vermuten, was wir wiederum aus deren Innenleben erfahren. Das führt natürlich zu Missverständnissen. Ein verzwicktes Spiel mit aktuellen Motiven kommt hinzu: IT-Nerds, Windmühlenparks, Pferdeliebhaber, Vogelschützer, Investoren, „Ossis und Wessis“, Alteingesessene, Zugezogene. In diesem Dorf werden Fakten verschleiert durch Gerüchte. Und wenn alle von dem ausgehen, was gesagt wird, was zählen dann die Fakten noch?

Da sind Jule und Gerhard Fließ, die unter die Kategorie „Zugezogene“ zählen. Er war Professor, sie seine Studentin. Zusammen sind sie vor dem Durcheinander der Stadt geflohen und stellen sich ein Leben auf dem Land als Idylle vor:

„Er wollte der Welt nichts Neues hinzufügen, sondern das Vorgefundene erhalten. Denn darin bestand die heilige Aufgabe dieser hektischen Epoche: das Bestehende gegen die psychotischen Kräfte eines überdrehten Fortschritts zu verteidigen.“

Doch der Nachbar macht ihnen das Leben zur Hölle. Schaller verbrennt nämlich am laufenden Band Gummi und anderen Müll und achtet sorgsam darauf, dass die Feuer nicht ausgehen. Schaller ist ein Handlanger Gombrowskis. Beide gehören zu den Alteingesessenen. Sie kennen die Spielregeln im Gegensatz zu den Hinzugezogenen. Erste Regel: Eine Hand wäscht die andere. Zweite Regel: Man klärt seine Probleme direkt und persönlich miteinander. Dritte Regel… Aber das führt zu weit. Gombrowski wiederum ist der Gründer der Ökologica, einem landwirtschaflichen Unternehmen, bei dem die meisten Dorfbewohner arbeiten und von dem sie leben. Eigentlich müssten ihm alle dankbar sein, aber er hat noch einen alten Erzfeind, Kron, unter den Alteingesessenen. Dann gibt es unter den Zugezogenen noch die Pferdeliebhaberin Linda Franzen und ihren Lebensgefährten Frederik Wachs. Und noch ein paar Figuren mehr. Die Geschichte kommt so richtig in Schwung, als der Vertreter eines Unternehmens nach Unterleuten kommt, das dort einen Windmühlenpark errichten will. Die Flurkarte zeigt, dass das geeignete Stück Land drei verschiedenen Parteien gehört. Von nun an geht es darum, wem dieses Land gehört und wer bereit ist, es zu verpachten. Natürlich sind der Vogelschützer Gerhard Fließ und seine Frau Jule grundsätzlich gegen einen Windmühlenpark, während andere Parteien das Pachtgeld sehen, das Unterleuten sehr zugute kommen würde…

Juli Zeh schafft ein komplexes Figurengefüge. Sie zeichnet herrliche, typische Charaktere, in denen ich einige meiner Mitmenschen zumindest in Teilen wiedererkennen konnte. Das alles trägt zu einem großen Lesevergnügen bei. Störend ist höchstens, dass Zeh manche Sachverhalte überdeutlich beschreibt. An einigen Stellen benennt sie den Aspekt noch einmal explizit, den sie zuvor schon eindrücklich bildlich deutlich gemacht hat.

„Unterleuten“ ist mein Lieblingsbuch der zuletzt erschienen Bücher in diesem Frühling. Es ist nicht nur ein Gesellschaftsroman, es ist eine Gesellschaftsanalyse mit aktuellen Themen. Es ist zwar sehr umfangreich, jedoch auch wahnsinnig kurzweilig.

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