Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

Cover_Mädchen_Fingerhut.jpgMichael Köhlmeier wurde bekannt durch sein lebendiges Nacherzählen Griechischer Sagen. Als Romanautor hat er mit Titeln wie „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ und „Zwei Herren am Strand“ – um nur die letzten Erscheinungen zu nennen – bewiesen, dass er ein großartiger und souveräner Erzähler ist. Der neueste Roman, der wohl aufgrund der Kürze (139 Seiten!) besser eine Erzählung zu nennen wäre, ist ein bisschen anders.

Ein kleines Flüchtlingsmädchen ist fremd in einem Land, dessen Sprache es nicht spricht. Es wird von seinem Onkel ausgesetzt, um sich selbst Nahrung zu erbetteln. Das Mädchen wird morgens in der Stadt abgesetzt und abends eingesammelt. Eines Abends kommt niemand mehr, der es abholt und es ist auf sich allein gestellt. Das Mädchen weiß nicht einmal, wie es heißt. Als es nach seinem Namen gefragt wird, nennt es sich selbst Yiza. Sein einziges Ziel ist Essen, Wärme, Schlaf. Darüber hinaus kennt es keine Bedürfnisse. Das wird in so einer Konsequenz geschildert, dass es den Leser betroffen machen muss.

Und dann war der Onkel eines Abends nicht an der verabredeten Stelle.
Sie wartete, wie er es ihr befohlen hatte. Sie steckte die Hände in die Fäustlinge, drückte sich die Mütze über die Ohren und verschränkte die Arme. Sie zog den Kopf ein, weil über dem Kragen ein Stück nackter Hals herausschaute. Sie stellte sich mit dem Rücken gegen den Wind. Menschen gingen an ihr vorüber, aber keiner sagte etwas. Sie sah nicht aus, als wäre sie verlorengegangen. Sie sah aus, als wartete sie. Und das tat sie ja auch. Sie konnte die Marktstände sehen, auch Bogdans Laden konnte sie sehen. Sie sah, wie die Lichte in Bogdans Laden ausgingen. Dann gingen die Lichter bei allen Ständen und Läden des Marktes aus.
Sie fror. Hunger hatte sie nicht.

Köhlmeier verdeutlicht dem Leser durch Yiza eine völlig andere Sichtweise der Dinge. Sie hat einen Drang zur Freiheit, der alles bestimmt. Aus dem Heim, in das sie kommt, flüchtet sie mit zwei älteren Jungs, die ebenfalls Flüchtlingskinder sind. Einer der beiden schenkt ihr einen Fingerhut, den sie über ihren verletzten Daumen stülpt und nicht wieder ablegt. Alles, was sie zum Leben brauchen, klauen die drei Kinder. Sie scheinen dabei keine moralischen Bedenken zu haben. Schließlich hat ihnen nie jemand gesagt, dass man das nicht machen soll. Im Gegenteil hat Yiza von ihrem Onkel gelernt, wie man bettelt. Selbst wenn Yiza irgendwo ankommt, kann sie dort nur solange bleiben, wie sie das Nötigste bekommen hat. Das Gefühl der Heimat kennt sie nicht. Sie kennt nur die Rastlosigkeit, das Umherziehen und so wird sie immer weiter ziehen.

In welchem Land sich Yiza eigentlich bewegt und aus welchem Land sie kommt, erfahren wir nicht. Das tut für die Erzählung nichts zur Sache, denn es geht um die Situation eines Flüchtlingskindes in einem wohlhabenden Land. Die Erzählerstimme ist komplett zurückgenommen. Sie wertet nicht, sie kommentiert nicht. Sie schildert lediglich das Geschehen. Diese Nüchternheit verstärkt die Trostlosigkeit. So allein, wie Yiza ist, so allein wird der Leser mit dem Text gelassen. Der Text erinnert auch dadurch an ein trauriges Märchen, in denen ebenfalls nur die Handlung geschildert wird, ohne zu deuten. Außerdem deutet bereits der Titel der Erzählung eine Parallele zum Märchen an. Oder wer denkt nicht gleich an „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“?

Die Erzählung ist bewundernswert, weil sich der Autor, Jahrgang 1949, in ein kleines Mädchen glaubhaft versetzen konnte, das nicht einmal aus derselben Kultur kommt, das also eine völlig andere Denk- und Erlebensweise hat. Er schafft das glaubhaft und das ist vielleicht ein kleiner Beweis dafür, dass es möglich ist, sich in das Fremde hineinzuversetzen, auch wenn es sich hier um Fiktion handelt.

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Ein Gedanke zu “Michael Köhlmeier: Das Mädchen mit dem Fingerhut

  1. Mich hat Köhlmeiers Roman auch sehr beeindruckt. Diese Geschichte in dieser Sprache zu erzählen, das ist richtig, richtig gut – auch wenn die Geschichte natürlich keine zum Wohlfühlen ist.

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