Peter Stamm: Weit über das Land

Cover_Stamm_Weit überThomas verschwindet. Ohne ein Wort, ohne Andeutungen und völlig unvorbereitet. Es ist eine dieser Katastrophen, von denen man immer ausgeht, dass einen so etwas nicht treffen kann. Dabei verschwinden jeden Tag unzählige Menschen in Deutschland und auch in der Schweiz, wo der Roman des Schweizer Autors spielt.

In einer ruhigen Erzählweise wird das Geschehen geschildert: Ein Mensch beschließt zu gehen. Er muss raus. Er will in die Natur, wo es nur ihn und die Pflanzen und die Landschaft gibt. Diese Ruhe und Gelassenheit der Erzählung, die sich sehr stark in Naturbeschreibungen ausdrückt, ist der Dramatik der Tat Thomas‘ wohltuend entgegengesetzt und macht einen Großteil der Atmosphäre des Romans aus.

„Am Waldrand ging die asphaltierte Straße in einen Waldweg über, der so breit war, dass er selbst in der Dunkelheit leicht zu erkennen war. Es war Thomas, als betrete er einen anderen Raum. Das Rauschen von Wasser war zu hören, es wurde lauter, dann, je höher der Weg anstieg, wieder leiser. Manchmal war ein Knacken zu hören, sonst war es still.“

Die Erzählung wechselt zwischen dem, was Thomas erlebt, und dem, was seine Frau Astrid fühlt, hin und her. Was tut man, wenn der eigene Mann ohne ein Anzeichen, ohne ein Wort, geht?  Verblüffend ist, dass Astrids Alltag vordergründig normal weitergeht. Zunächst lügt Astrid und macht sich so zu Thomas‘ Komplizin. Sie belügt den Arbeitgeber, dem sie vorgaukelt, Thomas sei krank. Sie belügt die Kinder, indem sie ihnen sagt, der Papa musste weg, komme aber bald wieder. Schließlich ruft sie doch die Polizei.

Die quälende Ungewissheit für Astrid scheint immer wieder durch, ist für mich aber kaum nachfühlbar geworden. Viel mehr Gewicht legt die Erzählung darauf, dass Astrid zu Thomas loyal bleibt. Während andere ihn für sein verantwortungsloses Handeln verurteilen, hält sie zu ihm und akzeptiert Thomas‘ Entscheidung stillschweigend.

Die Szenen des Wartens bei Astrid und die des durch die Natur wandernden Thomas werden im Laufe der Geschichte immer länger. Bis zu einem Wendepunkt, an dem Thomas fast stirbt. Zu diesem Zeitpunkt setzt sich auch Astrid – natürlich ohne von Thomas‘ Situation zu wissen – damit auseinander, dass Thomas vielleicht sterben könnte, dass sie ihn vielleicht nie wieder sieht. Und nun gibt es immer wieder Hinweise in der Geschichte, die den Leser sich fragen lassen, wie das Ganze nun eigentlich ausgeht: Stirbt Thomas? Überlebt er? Kehrt er nach Hause zurück? Spannung wird durch das durchdacht konstruierte Hin- und Herwechseln zwischen beiden Erzählperspektiven erzeugt, das teilweise auch zeitverzögert stattfindet.

Dieser kurze Roman von 223 Seiten kommt mir vor wie eine Untersuchung: Was passiert, wenn? Es ist interessant, den Geschehnissen zu folgen. Stamm hat dafür einen schönen, ruhigen und sensiblen Ton gefunden der anrührend wirkt. Trotzdem verliert er sich ein bisschen zu sehr in den Details.

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