Michail Ossorgin: Eine Straße in Moskau

Cover Ossorgin Eine Straße in Moskau.jpgDer Autor Michail Ossorgin wurde 1922 aus Russland verbannt und lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1942 in Frankreich. Sein Buch „Eine Straße in Moskau“ erschien bereits 1928 in einem französischen Verlag für Exilliteratur. Eine Neuübersetzung von Ursula Keller ist im vergangenen Sommer von der „Anderen Bibliothek“ veröffentlicht worden. Aufgrund des großen Erfolges kam pünktlich vor Weihnachten ein Extradruck heraus, von dem ich mir gleich ein Exemplar sicherte.

Auf diese Weise habe ich auch erfahren, was es mit der „Anderen Bibliothek“ auf sich hat: Sie gehört zum Aufbau Verlag und hat es sich zur Aufgabe gemacht, unbekannte und in Vergessenheit geratene Literatur bekannt zu machen. Dabei erscheint jeder Titel mit hochwertigem Druck in einer Auflage von 4444 Exemplaren. Sind diese schnell vergriffen, gibt es einen Extradruck, wie bei „Eine Straße in Moskau“ geschehen.

Aber nun zum Buch: Die junge Tanjuscha lebt mit ihrem Großvater, einem stadtbekannten Ornithologen und Professor, in dessen Haus in der Siwzew Wrashek, der titelgebenden Straße in Moskau. Der Roman spielt in der Zeit vom ersten Weltkrieg bis zur Bürgerregierung noch vor Lenins Machtergreifung. Es werden die Schicksale der einzelnen Freunde und Bekannte des Hauses beeindruckend erzählt. Durch die Schilderung der Lebensumstände erlebt der Leser ein Stück russischer Geschichte hautnah mit, sie wird geradezu nachfühlbar.

Die Beständigkeit der vergangenen Jahrzehnte, die noch durch den Großvater verkörpert wird, gibt es nicht mehr. Das Bildungsbürgertum ist dem Untergang geweiht. Es geht also um ein Grundthema der Literatur der Moderne: dem Wegfall alter Werte und Gesetzmäßigkeiten. Alles ist geprägt von Unsicherheit.

Ossorgin lockert die bewegenden Schicksale seiner Figuren auf durch eine märchenhafte Poetik mit wiederkehrenden Motiven. Wir erfahren nicht nur etwas über das Leben der menschlichen Bewohner des Hauses, sondern auch über den Kuckuck in der Kuckucksuhr, über das Leben der Würmer im Holz und das der Ratten und Mäuse. Die Grausamkeiten, die die Freunde des Hauses durch den ersten Weltkrieg erfahren, werden mit aller Klarheit und Nüchternheit geschildert. Wahnsinnig beeindruckt hat mich die Schilderung des Schicksals eines Freundes von Tanjuscha, der beide Arme und Beine verliert und schließlich als „Wunder der Chirurgie“ weiterleben muss. Selbst vom Erzähler wird er nur noch „der Stumpf“ genannt.

Wie in einem Film springt die Kamera nach jedem Kapitel entweder in der Zeit oder an einen anderen Ort und zoomt dann wieder neu an einzelne Szenen heran. Heute erscheint dieses literarische Mittel völlig normal, aber in einem Werk, das bereits 1928 erschien, ist das ungewöhnlich. Auf diese Weise erfahren wir viele kleine Details, die sich wie Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammensetzen. Weil die Kapitel kurz sind, kann man den Lesefluss an fast jeder Stelle unterbrechen und man kommt schnell wieder in das Geschehen hinein.

Ein Stück russische Literatur voller Gegensätze und sehr spannend geschildert! Es handelt sich um eines der besten Bücher, die ich innerhalb des letzten Jahres gelesen habe.

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