Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen

Zunächst wünsche ich Euch allen ein gesundes, erfülltes und frohes neues Jahr! Und jetzt zu einem (wenn auch nicht neuen) Vorsatz von mir, wieder mehr zu posten:

Erpenbeck_Gehen_ging_gegangen_CoverZufällig erschien „Gehen, ging, gegangen“ genau zu dem Zeitpunkt, als gerade besonders viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen. Das ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass der Roman bis zum Schluss als heißer Kandidat für den Deutschen Buchpreis gehandelt wurde. Dabei hatte sich Jenny Erpenbeck schon lange im Voraus mit dem Thema beschäftigt.

Abseits politischer Debatten geht es in dieser Geschichte um die Menschen an sich. „Gehen, ging, gegangen“ ist ein Tatsachenroman, kein Weltverbesserungsroman. Das gelingt Jenny Erpenbeck nicht zuletzt durch die nüchterne Erzählstimme. Sie nimmt sich ganz zurück und zeigt dem Leser lediglich Situationen, ohne zu kommentieren. Höchstens die Gedanken der Hauptfigur Richard haben subjektiven Charakter. Der frisch emeritierte Altphilologe ist schon länger von seiner Frau verlassen und lebt alleine in seinem Haus in Berlin. Nun überlegt er, was er mit der neuen Situation des Ruhestandes anfangen soll. Der Roman beginnt langsam, es werden die täglichen Abläufe und Gewohnheiten Richards geschildert. Richard ist eine geradezu langweilige Hauptfigur, wodurch die Entwicklung, die er im Laufe der Handlung durchläuft, besonders deutlich wird. Zufällig erfährt Richard beim Abendessen durch die Nachrichten von einer tagelang andauernden Demonstration von Flüchtlingen auf dem Alexanderplatz. Er horcht auf, weil er selbst dort war und ihm die Menschen, die dort sitzen, nicht aufgefallen sind:

„Warum hat er die Demonstration denn nicht gesehen? Das erste Brot hat er mit Schnittkäse belegt, nun kommt das zweite, mit Schinken. Manchmal schon hat er sich dafür geschämt, dass er Abendbrot isst, während er auf dem Bildschirm totgeschossene Menschen sieht, Leichen von Erdbebenopfern, Flugzeugabstürzen (…). Er schämt sich auch heute, und isst trotzdem weiter, wie auch sonst.“

Doch Richard reißt sich tatsächlich aus dem Alltagstrott. Denn er beschließt, herauszufinden, wer diese Männer sind, die in den Hungerstreik getreten sind und nicht sagen wollen, wer sie sind. Als er zu ihnen will, ist der Platz bereits geräumt. Aber er erfährt, dass die Flüchtlinge in einem Gebäude in der Nähe seines Hauses untergebracht sind. Er beschließt, dieses Haus zu besuchen und von da an hört er sich Geschichten über Geschichten an.

Jenny Erpenbeck ist selbst in Flüchtlingsheime gegangen und hat sich die Geschichten junger Männer aus allen möglichen Ländern angehört. Auf diese Weise entsteht ein authentisches Bild, das der Leser über die Mittlerfigur Richard erhält. Aber nicht nur das: Wir erfahren auch von anderen Welten und anderen Weltsichten. Richard lassen diese jungen Männer nicht los, die ihr Leben doch eigentlich noch vor sich haben und in Wirklichkeit perspektivlos ihre Zeit in Unterkünften abhocken, obwohl sie arbeiten wollen. Er fängt an, sich für sie einzusetzen: er gibt ihnen Deutschunterricht, lädt einzelne zu sich nach Hause ein, gibt Klavierunterricht, macht Geburtstagsgeschenke und fängt an, sich mit den gesetzlichen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, die die Asylanten betreffen. Denn dass die jungen Männer in Deutschland bleiben können, ist trotz der prekären Situationen in ihren verschiedenen Heimatländern aussichtslos.

Vielleicht ist dieses Buch für die meisten aufgrund der Erfahrungen, die wir Deutschen in den letzten Monaten gemacht haben, gar nicht mehr so bereichernd. Aber es bringt dem Leser die Situation der Flüchtlinge so nah, dass sie von einer Einheitsmasse zu verschiedenen Menschen mit verschiedenen Charakteren und Schicksalen werden.

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