Ilija Trojanow: Macht und Widerstand

Cover Macht und WiderstandTrojanow ist mit seinem Roman „Der Weltensammler“ bekannt geworden. Ein Bestseller, der zudem den Preis der Leipziger Buchmesse 2006 erhielt. Der Autor setzt sich für Menschenrechte ein und ist in vielen Ländern zu Hause. Seine Wurzeln liegen allerdings in Bulgarien und genau in diesem Land spielt sein neuester Roman „Macht und Widerstand“, der auch auf der diesjährigen Longlist für den Deutschen Buchpreis zu finden war.

Der Roman wird abwechselnd aus der Sicht zweier Widersacher im sozialistischen Regime Bulgariens geschildert: dem Mitarbeiter des Staatssicherheitsdienstes Metodi Popow und dem Opportunisten Konstantin Milew Scheitanow. Der Leser steigt gleich mitten in die Geschichte der beiden ein. Sie sind mittlerweile alte Männer und erinnern sich an ihre Geschichte und wir ahnen, dass beide Schicksale eng miteinander verbunden sind, jedoch völlig andere Perspektiven haben. Konstantin versucht immer wieder, die Akten, die über ihn von der Staatssicherheit angelegt worden sind, nachzulesen. Diese Akten sind teilweise sogar im Buch abgedruckt. Es handelt sich um authentische Dokumente der bulgarischen Staatssicherheit, die Trojanow recherchiert hat und die ins Deutsche übersetzt worden sind. In diesem Kampf geht es nicht nur um Gerechtigkeit, es geht um Schuld und Unschuld, um Täter und Opfer. Passend dazu überlegt Konstantin an einer Stelle: „Was ist Moral –,  wenn nicht ein gesellschaftliches Konstrukt, durch Indoktrination aufrechterhalten, um von einer Mehrheit akzeptiert zu werden. Moral muss mit Lüge, mit Gewalt etabliert werden, denn sie ist dem Menschen nicht angeboren. (…) Die Verteidigung der Moral ist die Erfüllung der Moral. Der Mörder aus Überzeugung glaubt sich im Recht, nein, das ist zu eng gedacht, er erkennt in seinem Handeln den höchsten Ausdruck seiner ethischen Pflicht. Mit dem Mord wird er rechtschaffen.“ Damit scheint Konstantin die Position seiner Widersacher nachvollzogen zu haben und doch kämpft er sein ganzes Leben gegen sie.

Noch interessanter ist eigentlich, dass Trojanow nicht nur in den Kopf eines idealistischen Opportunisten, einem klassischen Helden, schlüpfen kann, sondern auch in die des überzeugten Täters. Authentisch teilt Metodi seine Gedanken mit. Hier wird deutlich, wie sehr er dem sozialistischen System Bulgariens anhängt, wie sehr er noch nach dem Zusammenbruch desselben davon überzeugt ist. Er denkt eben nicht, dass er im Unrecht ist und hat in seinem Kopf noch dieselben Verhaltensmuster wie früher: sieht er ein Problem, versucht er es mittels Lügen und Kontaktmännern zu klären und bedauert dabei, nicht mehr dieselben Mittel wie früher zur Verfügung zu haben. Als sich eine Frau bei Metodi meldet, die seine Tochter sein will, möchte er einen Vaterschaftstest bei einem alten Bekannten machen lassen, der ihm, egal welches Ergebnis tatsächlich herauskommt, eine nicht bestehende Vaterschaft bestätigen soll. Metodi lebt damit in einer eigenen Wirklichkeit.

Zwischen den Gedanken Metodis und Konstantins sind zusätzlich Geschichten anonym aus verschiedenen Jahrzehnten geschildert, die das Schicksal der Menschen im Laufe der Geschichte verdeutlichen sollen, die allerdings auch dazu beitragen, zu verwirren, da die Zusammenhänge nicht deutlich sind. Schwierig und zugleich interessant an diesem Roman ist zudem, dass in Deutschland kaum etwas bekannt ist über die bulgarische Geschichte: hier kann man noch viel lernen, andererseits findet der uninformierte Leser auch schwer in die Handlung. Die beiden Hauptfiguren jedoch sind großartig dargestellt und vielleicht musste Trojanow etwas von der Mühe, die er mit diesem Roman zweifelsohne aufgebracht hat, an den Leser weitergeben.

Der Roman wurde auch im Literarischen Quartett am 02.10. besprochen. Sowohl die Position der Befürworterin Juli Zeh als auch die Position der drei Gegner des Buches konnte ich nachvollziehen. Alles in allem erfordert dieser Roman vom Leser Disziplin und Durchhaltevermögen, aber er zeichnet auch das Innenleben zweier großartiger Figuren bis ins Detail, so dass man viel an ihnen beobachten und lernen kann.

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