Peter Richter: 89/90

Cover 89_90Seit dem 18.08. ist die Longlist für den Deutschen Buchpreis bekannt und Peter Richters 89/90 gehört mit zu den Nominierten! Zufällig habe ich das Buch gerade gelesen und ich finde, dass der Roman zurecht auf der Liste steht, auch wenn damit wieder ein neuer DDR-Roman, in diesem Fall ein Wenderoman, im Rennen ist. Hatte doch bereits 2008 Uwe Tellkamps „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis erhalten, gefolgt von den DDR-Romanen „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge 2011 und zuletzt „Kruso“ von Lutz Seiler 2014. Aber dieser Roman unterscheidet sich völlig von den bisherigen!

Aus der Ich-Perspektive schildert ein zunächst 15jähriger im Jahr 1989 bis zum Spätsommer 1990 – dann bereits 17jährig – die Geschehnisse. Peter Richter gelingt es, die Denkweise eines Teenagers authentisch und vor allem unterhaltsam herüberzubringen. Er scheint sich für diese Geschichte komplett in sein Teenager-Ich versetzt zu haben, denn das Alter im Jahre 89 und die Heimatstadt Dresden stimmen zwischen Autor und Hauptfigur überein. Die Hauptfigur nimmt einiges leicht, was Erwachsene als gewichtig bewerten und nimmt andererseits Dinge wahr, die Ältere gar nicht registrieren würden. Wir befinden uns in einer Subkultur von Jugendlichen in der DDR, in der sich die Sprache deutlich von der heutigen unterscheidet. Einige Vokabeln sind bereits ausgestorben beziehungsweise nur ehemaligen DDR-Bürgern bekannt. Der Autor hat das, zugunsten einer authentischen Sprache, durch Fußnoten gelöst, die auf den ersten Blick etwas wissenschaftlich anmuten. Auf den zweiten Blick sind diese mit genauso viel Humor versehen wie der restliche Text. Richter schafft es, Umgangssprache und kreative Formulierungen natürlich miteinander zu verknüpfen. Dabei geht es auch um zeitlose Teenagerthemen wie Mädchen, Drogen, Musik, den Erwachsenen Streiche spielen, Cool sein…aus der Perspektive eines Jungen. Gerade diese Teenagerhaltung erlaubt es, kurzweilige Anekdoten und Geschehnisse aneinanderzureihen. Obwohl sie durch Abschnitte voneinander getrennt sind, ergänzen sie sich gegenseitig zu einem großen Gesamtbild.

Eindrucksvoll schildert Richter, wie es zunächst darum geht, gegen das Regime zu sein und wie sich die Regimegegner im Laufe der Wendegeschehnisse in Lager aufteilen, bis es 1990 vorrangig darum geht, „Rechts“ oder „Links“ zu sein. Richter macht durch die fließenden Übergänge und die Nennung einiger wichtiger Ereignisse klar, woher diese Haltung kam und gleichzeitig beschreibt er die Entwicklung so fließend, das sich selbst der Leser fragt, wie die Geschichte eigentlich an den Punkt gekommen ist.

Ein eindrucksvolles und unterhaltsames Buch – tiefsinnig, leicht und klug. Ich habe lange nicht mehr so viel laut gelacht beim Lesen.

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