Gila Lustiger: Die Schuld der Anderen

Cover LustigerGila Lustiger ist die Tochter des jüdischen Historikers Arno Lustiger. Sie lebt seit vielen Jahren in Paris, wo auch der knapp 500seitige Roman „Die Schuld der anderen“ überwiegend spielt. Ein gelobter Roman, der irgendwie so ganz anders ist, als ich mir das vorgestellt hatte. Vor allem, weil es nicht nur ein Kriminalroman ist, wie er offiziell betitelt wird.

Der Journalist Marc Rappaport stößt auf einen Mordfall, bei dem vor dreißig Jahren eine Prostituierte ums Leben kam. Im Gegensatz zu damals kann nun eine DNA-Analyse durchgeführt werden und ein neuer Tatverdächtiger wird festgenommen. Marc findet aber schnell heraus, dass es dieser wahrscheinlich nicht war. Deswegen  möchte er ermitteln, was damals wirklich passiert ist. Was sonst typisch für Kommissare ist, wird hier auf den Journalisten übertragen: Er kann seine Recherchearbeiten nicht lassen und vernachlässigt seine Freundin, um durch halb Frankreich zu fahren und Hinweise auf das Leben der Ermordeten zu finden. Dabei erfährt der Leser einiges über die Abgründe der Prostitution und Korruption. Das ist alles glaubhaft, jedoch nicht sehr originell. Weniger glaubhaft ist, dass sich solche wochenlangen Recherchen für einen Journalisten durchhalten lassen, ohne zwischendurch Artikel an seinen Arbeitgeber zu liefern. Die Recherchearbeit Marcs wird dem Leser in nachvollziehbaren Schritten dargestellt. Dazu zählen auch Statistiken und historische Fakten. Hier muss man dran bleiben, um den Faden nicht zu verlieren. Nicht zuletzt erfahren wir einiges über Frankreich; die Geschichte des Landes und die Ansichten der Bevölkerung, zum Beispiel „dass die Franzosen von der Realität nur das wahrnehmen, was ihnen ins Weltbild passt“. Das hat Marc vor Jahren von seinem Großvater gehört. Gerade in Verbindungen mit den Erinnerungen an den Großvater erfahren wir auch immer wieder  von Anekdoten, die mit jüdischer Tradition und Anschauung zu tun haben.

Schließlich verwandelt sich die Geschichte von einer Mordermittlung zu einer Korruptionsgeschichte. Hier geht es um den Betrug an einfachen Arbeitern, um daraus Profit zu schlagen. Gegen Ende laufen alle Fäden in der Spitzenpolitik Frankreichs zusammen. So wenig originell diese Themen sind, so gut durchdacht und detailliert wird das Nachforschen Marcs geschildert. Es ist ein Zelebrieren des Schlussfolgerns, des Ermittelns, des Detektivspielens und der Recherchearbeit, sodass es plötzlich egal ist, ob es sich hier um eine Mordgeschichte, einen Wirtschaftsskandal oder ein politisches Machtspiel handelt. Gila Lustiger gelingt es, durch eine klare Sprache dem Leser all die komplexen Sachverhalte und Schlussfolgerungen eingängig zu vermitteln, sodass man Marc ohne große Mühe folgen kann. Interessant finde ich die Danksagung am Schluss dieses umfangreichen Krimis, in der herauskommt, dass viele der geschilderten Vorfälle nicht fitkiv sind, sondern einen wahren Kern haben. Lustiger versteht es, verschiedene Themen schlüssig zu einem spannenden Krimi inklusive Gesellschaftskritik zu verknüpfen.

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