Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben

Cover_BergToto ist ein Unfall in jeglicher Hinsicht: Ein Kind mit uneindeutigem Geschlecht, die Mutter Alkoholikerin, der Vater unbekannt. So legt die Mutter fest, es handele sich um einen Jungen. Toto wächst im Kinderheim in der DDR auf. Aufgrund seines uneindeutigen Geschlechts wird er zum Außenseiter, denn das hormonelle Durcheinander zeichnet sich auch im Phänotyp ab. Viel spannender als die Uneindeutigkeit ist aber, wie Toto auf seine Umwelt reagiert und wie sich im Laufe der Jahre immer deutlicher ein duldsamer, großzügiger Charakter entwickelt. Toto scheint alles auszuhalten, bleibt passiv, lässt sich treiben, nimmt sein Leben nicht selbst in die Hand, sondern geht nur auf Angebote ein, die ihm von anderen gemacht werden und wundert sich am Ende, dass sich aus diesen Chancen nie ein stabiles Leben entwickelt hat Auch für den Leser bleibt kaum Zeit, Toto zu bemitleiden, staunt man doch vielmehr über die Reaktionen der Menschen auf Toto. Diese sind vielleicht manchmal etwas überspitzt, aber sie halten uns einen Spiegel vor. Oft musste ich beim Lesen denken: Ja, so sind die Menschen! Und auch: Ja, so bin ich manchmal. Schonungslos zeigt Berg, wie wir an Äußerlichkeiten hängen und vorrangig an uns selbst interessiert sind. Toto wird nicht nur wegen seinem nicht einzuordnendem Äußeren verstoßen, sondern vor allem weil er dazu fähig ist, andere zu bemitleiden, sich ihrer anzunehmen. Berg zeichnet eine unsoziale, kalte Umwelt, wie sie in der Realität nicht so extrem besteht. Jedoch werden dem Leser durch diese Übertreibung einige Auffälligkeiten aus der eigenen Umgebung  bewusst gemacht.

Obwohl in diesem Buch ein ganzes Leben geschildert wird, ist „Vielen Dank für das Leben“ kein Entwicklungs-, sondern eher ein Roman der Resignation. Es gibt keine Aussicht auf Besserung, auch wenn Toto das hoffen mag. Das sieht man schon an der immer gleichen, monotonen Überschrift, die die meisten Kapitel tragen: „Und weiter“. Wenn das Buch gegen Ende hin auch etwas monoton ist, so passt das nur zu gut zu dem tristen, einseitigen Leben Totos. Ein Wesen, das vollkommen machtlos ist, sein eigenes Leben zu gestalten, da es von seiner Umwelt entwaffnet worden ist.

Der Erzähler unterbricht die Schilderung von Totos Leben immer wieder mit Ausführungen zu Gesellschaftsentwicklungen. Werden zu Beginn des Buches die Strukturen in der DDR geschildert, sind es dann die neunziger Jahre, schließlich die Nuller und am Schluss – der Roman ist 2012 erschienen – ein Vorausblick, bei dem die Jahre nicht mehr so genau bestimmbar sind. Es ist also eine Schilderung von der Vergangenheit bis in die Zukunft. Und diese Abschnitte sind noch schonungsloser als Totos Leben: Sie üben Kritik an Überzeugungen, die in der jeweiligen Gesellschaft geherrscht haben bzw. herrschen werden. Interessant ist, dass die meisten Kritikpunkte trotz der geschilderten zeitlichen Umstände zeitlos sind. Die Ansichten von gestern gibt es teilweise heute noch und auch die Ansichten von morgen sind heute schon erkennbar. Ich habe mich dabei so manches Mal empfindlich berührt und provoziert gefühlt. Etwa, als der Erzähler behauptet, die Frauen versklavten sich, indem sie Kinder gebären. Meiner Meinung nach dient die Schilderung des verpfuschten Lebens von Toto einer sehr viel umfassenderen Kritik an eigentlich jedem denkbaren Lebensentwurf, denn alles wird hier früher oder später vorgeführt und kritisiert. Fragt sich nur, was bleibt? Für mich ist es Resignation verbunden mit einem großen Fragezeichen, ob es einen richtigen Weg überhaupt gibt.

Kein Buch zum Wohlfühlen, aber zum Nachdenken und dabei sehr beeindruckend!

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