Jan Wagner: Regentonnenvariationen

HB Wagner_978-3-446-24646-1_MR.inddLyrik habe ich auf meinem Blog noch nie besprochen. Ich muss zugeben, dass ich nur selten Gedichte lese, obwohl ich sie schon als Teenie geliebt habe. Deshalb freute es mich, als bekannt wurde, dass Jan Wagner zu den Nominierten für den Leipziger Buchpreis gehörte – und habe mir sein Buch besorgt. Und dann habe ich mir ein Loch in den Bauch gefreut, als er den Preis bekommen hat. Die Preisverleihung war jedoch nicht ganz unumstritten, da es sich bei „Regentonnenvariationen“ um einen Lyrikband unter belletristischer Konkurrenz handelt und es fraglich bleibt, inwiefern Romane und Gedichte untereinander vergleichbar sind. Jedoch finde ich, dass schon belletristische Texte untereinander streng genommen nicht miteinander vergleichbar sind. Insofern habe ich nichts dagegen, dass die Kategorie Belletristik in diesem Jahr einen lyrischen Gewinner hat. Zudem wird die Lyrik im Literaturbetrieb doch sehr stiefmütterlich behandelt. Oder welche Lyriker der Gegenwart kennt ihr?

Doch nun zum Text: „Regentonnenvariationen“ ist eine Ansammlung verschiedener Gedichte, die vorranging in der Natur situiert sind oder einzelne Menschen beschreiben. Jedes Gedicht produziert ein ganz eigenes, stimmungsvolles Bild. Bemerkenswert und erfrischend ist das Sprachspiel Jan Wagners. Er schafft durch ganz neue Wort-(klang-)spiele das, was Lyrik können muss: Vorstellungen, Ideen und Gefühle vermitteln, die mit den Worten, die wir zur Verfügung haben, so nicht erzeugt werden können. Sie werden eben durch Sprachbilder, die aus den einzelnen Worten geformt sind, hervorgerufen. Das ist ein bisschen wie Malen mit Worten. Dabei nutzt Wagner nicht etwa konventionelle Metaphern und Allegorien, sondern neue, eigene Bilder. Er schafft einen ganz eigenen Rhythmus in seinen Gedichten: Die Wörter können zum Beispiel am Ende des Verses oder gar der Strophe beginnen und im nächsten Vers beziehungsweise in der nächsten Strophe aufhören. Die Reime sind selten rein und damit zwanglos. Durch ähnlich klingende Worte bekommen die Gedichte eine eigene Sprachmusik, wenn man sie laut liest.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, möchte ich hier das erste Gedicht des Bandes wiedergeben. Achtet mal auf die vielen „sch“s. Das gewaltsame Hindurchzwängen des Unkrauts durch einfach alles bekommt dadurch seinen eigenen Sound:

 

giersch

nicht zu unterschätzen: der giersch
mit dem begehren schon im namen – darum
die blüten, die so schwebend weiß sind, keusch
wie ein tyrannentraum.

kehrt stets zurück wie eine alte schuld,
schickt ein kassiber
durchs dunkel unterm rasen, unterm feld,
bis irgendwo erneut ein weißes wider-

standsnest emporschießt. hinter der garage,
beim knirschenden kies, der kirsche: giersch
als schäumen, als gischt, der ohne ein geräusch

geschieht, bis hoch zum giebel kriecht, bis giersch
schier überall sprießt, im ganzen garten giersch
sich über giersch schiebt, ihn verschlingt mit nichts als giersch.

Jan Wagner, „Regentonnenvariationen“, S. 7

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