Sofi Oksanen: Als die Tauben verschwanden

Cover_Als die TaubenSofi Oksanen erregte zur Frankfurter Buchmesse im Oktober die Aufmerksamkeit der Medien, denn das Gastland der Messe war in diesem Jahr Finnland und als belletristische Vorzeigeautorin stellte sich schnell die mehrfach preisgekrönte Oksanen heraus. Dabei spielt das aktuelle Buch der Autorin gar nicht in Finnland, sondern in Estland und stellt einen großartigen Roman über die Besatzungsgeschichte Estlands dar. Der Roman beginnt in den vierziger Jahren. Estland ist von den Deutschen besetzt und die estnischen Männer müssen gegen die „Rote Armee“ in den Krieg ziehen. So auch Roland Simson und sein Ziehbruder Edgar Parts. Gemeinsam desertieren sie. Doch dann wird deutlich, wie unterschiedlich die beiden sind. Interessiert sich Roland vor allem für seine Verlobte Rosalie und für den Hof seiner Mutter, zieht es Edgar in die Stadt: Er möchte sich bei den Deutschen verdient und schnell Karriere machen. Edgar vernachlässigt seine Frau Juudit, die sich das zunächst nicht erklären kann und während der Zeit des Krieges allein in der Stadt leben muss. Aus der Sicht dieser drei Figuren wird zunächst geschildert, wobei wir von Roland in der Ich-Perspektive erfahren. Er ist der heldenhafte Charakter des Buchs, der sich in der Freiheitsbewegung verdient macht. Zwischendurch erleben wir Sprünge in die 60iger Jahre, als Estland zur Sowjetunion gehört. Wir erfahren hier vor allem aus Sicht Edgars von seinem Beruf als Geheimdienstmitarbeiter und von seinem Privatleben mit seiner Frau, die Spur von Roland geht verloren. Indem im Laufe der Handlung zwischen diesen Zeiten hin und her gesprungen wird, wird die Spannung aufrechterhalten: Der Leser erschließt sich nach und nach, was in den verschiedenen Zeiten passiert ist. Besonders einfühlsam berichtet Oksanen aus der Sicht Juudits: Über ihre Affäre zu einem Deutschen und was sie zu dieser bringt. Über ihr späteres Leben erfahren wir nur aus der Sicht Edgars. Und so entpuppt sich als eigentliche Hauptfigur des Romans schließlich Edgar, der zunächst gleichberechtigt neben Roland, dann neben Juudit steht. Im letzten teil erfahren wir, was Edgar antreibt, was er über die Vergangenheit von Roland, Juudit und anderen herausfinden will. Es ist interessant zu sehen, wie Edgar nur darauf bedacht ist, im jeweiligen Regime Karriere zu machen, indem er aus den Geheimnissen der anderen für sich selbst Vorteile als Spion schlägt. Edgar ist die Figur der Anpassung, der Widerling in Person. Viele Dinge werden angedeutet, da sie aus der Sicht einer bestimmten Person geschildert werden. Sie müssen auch nicht weiter ausgeführt werden.

Man muss sich selbst erschließen, wie alles zusammenhängt und zugleich wird man dadurch, ähnlich wie Edgar Parts, zu einer Art Spion, der Eins und Eins zusammenzählt, um neue Beziehungen und Bedeutungen zu erschließen. Vielleicht ist es diese Lust am Herausfinden, die der Leser mit der Hauptfigur gemein haben muss, um den Protagonisten zu ertragen. Ein meisterhaft komponierter Roman mit kriminologischer Spannung und außergewöhnlichen Charakteren.

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