Lutz Seiler: Kruso

Cover_Kruso

Endlich habe auch ich das wahrscheinlich meist besprochene und gelobte Buch des Herbstes gelesen. Hauptursache dafür ist die Verleihung des Deutschen Buchpreises an Lutz Seiler für „Kruso“. Trotzdem möchte ich Euch mein Urteil nicht vorenthalten.

Im Mittelpunkt des Buchs steht die Männerfreundschaft zwischen der Hauptfigur Ed und Kruso. Ed kommt im Sommer ‘89 auf Hiddensee und wird Saisonkraft im Gasthaus „Klausner“, wo auch Kruso arbeitet. Auf der Ostseeinsel hat sich eine Gemeinschaft gebildet, deren Anführer Kruso ist. Er will Fluchten verhindern und erklärt denen, die auf der Insel landen, um von dort über das Meer nach Dänemark zu flüchten, dass die Freiheit im Kopf entsteht. Eine Erfahrung, die man besonders auf der Insel machen könne. Kruso und Ed schotten sich immer mehr ab von den Geschehnissen um sie herum. Die „Besatzung“ im Klausner schwindet im Laufe des Sommers und frühen Herbstes immer mehr. Am Schluss sind nur noch Kruso und Ed übrig…
Die Freundschaft, die beide verbindet, wird in vielen Rezensionen als homoerotisch beschrieben. Das finde ich dann doch aber zu weit gedeutet. Es handelt sich eben um eine sehr enge Freundschaft, wie sie selten beschrieben wird. Alles Weitere ist Spekulation.

Seiler schildert eindringlich und detailliert das Abwäscherleben im Klausner. Er beschreibt sowohl den Vorgang des Abwaschens in allen Einzelheiten als auch die Gemeinschaft der Saisonkräfte auf Hiddensee. Genauso eindringlich thematisiert er die Fluchtversuche von DDR-Bürgern über die Ostsee und gibt damit den zahl- und namenlosen Fluchtopfern eine Stimme. Auch der Epilog ist in diesem Zusammenhang sehr interessant und faszinierend: Ed begibt sich darin in der heutigen Zeit auf die Suche nach den Opfern in Dänemark. Seiler selbst hat die Spuren der Ertrunkenen mithilfe eines dänischen Journalisten verfolgt. Zumindest an dieser Stelle verschmelzen Hauptfigur und Autor miteinander. Besonders gelungen finde ich Seilers klare Prosa: Er malt deutliche Bilder, die nicht irgendetwas andeuten oder erahnen lassen, sondern die wirklich treffend sind und sich einprägen. Und das, obwohl Seiler eigentlich Lyriker und „Kruso“ sein Debütroman ist!

Am 11.11. war ich zu einer Lesung Seilers. Er hat viele Hintergrundinformationen zu diesem beeindruckenden Buch gegeben. Mir hat sein ruhiges Auftreten gefallen. Durch seine Art zu lesen ist mir der trockene, fast finstere Humor des Textes aufgefallen. Er hat einige Lacher kassiert und gleichzeitig einen dramatischen und nachdenklichen Text geschrieben. Bei der Gelegenheit konnte ich auch ein Autogramm ergattern:

Seiler_Autogramm

Meiner Meinung nach hat „Kruso“ den Deutschen Buchpreis verdient. Nicht, weil es literarisch besonders anspruchsvoll ist, sondern weil es mit eindrucksvollen Bildern und einer klaren Sprache die Fluchtversuche und auch nur die Überlegungen zur Flucht aus der DDR auf spannende und dramatische Weise thematisiert – und das auch noch treffender Weise zum 25jährigen Jubiläum des Mauerfalls. Dieses Buch ist eben wundervoll dazu geeignet, viele Leser zu finden.

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2 Gedanken zu “Lutz Seiler: Kruso

  1. Ich danke dir für diese interessante Besprechung, die mir ein Buch in Erinnerung ruft, das ich auch sehr gerne gelesen habe. Es fiel mir nicht leicht, in die Lektüre hinein zu finden und ich habe auch fast zwei Wochen für das Buch gebraucht und doch hat es mir sehr gut gefallen. Ich beneide dich, dass du die Möglichkeit hattest, den Autor live lesen zu sehen.

  2. Pingback: Peter Richter: 89/90 | Annas Literaturcheck

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