Thomas Hettche: Pfaueninsel

Cover_Hettche_PfaueninselAm kommenden Sonntag, dem 02.11., wird Thomas Hettche der  Wilhelm-Raabe-Literaturpreis für „Pfaueninsel“ verliehen. Außerdem stand der Roman auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde somit von der Jury als eines der sechs besten Bücher 2014 angesehen. Was steckt hinter dem Roman?

Schon der Einband des Buches ist gelungen: Aus wertvollem Leinen kommt er in schillerndem Blau daher. Der Einband schillert mal mehr, mal weniger, je nach Lichteinfall. Wie ein Pfau, der ein Rad schlägt oder wie der schöne Schein. Hettche entführt den Leser in eine Zauberwelt des 19. Jahrhunderts. Dabei beruht der Roman auf historischen Gegebenheiten. Das Lustschloss des Preußischen Königs kann man noch heute auf der Insel, die in der Havel vor Berlin und Potsdam liegt, besuchen. Anders als der Titel vermuten lässt, geht es weniger um die Insel selbst, als vielmehr um eine Bewohnerin der Pfaueninsel, deren Existenz historisch verbürgt ist. Wir begleiten das Leben der kleinwüchsigen Marie. Sie kommt zusammen mit ihrem ebenfalls kleinwüchsigen Bruder als Kind auf die Pfaueninsel und wird zum Schlossfräulein für das Lustschloss ernannt. Sie verliebt sich schon als Kind in Gustav, den Sohn des Gärtners der Insel. Diese Liebe wird sie ein Leben lang begleiten und da sie eine „Zwergin“ ist, ist das Unglück vorprogrammiert… Marie nimmt ihre Vorbestimmung als Schlossfräulein als ihr Schicksal an. So wie sie ihre Kleinwüchsigkeit annehmen muss. Glücklich ist sie deshalb nicht. Und trotzdem beklagt sie sich nicht. Das kann man kritisieren – ich finde das bewundernswert. Marie erträgt ihr Schicksal und versucht sich damit zu arrangieren. Diese Haltung ist völlig entgegengesetzt zu dem Heldenbild, das wir haben. In unserer Gesellschaft wird Selbstbestimmung groß geschrieben. Idealerweise sollen wir uns verwirklichen und sind damit selbst für unser Glück verantwortlich. Hettche stellt unseren heutigen Überzeugungen ein anderes Bild entgegen. Dem heutigen Leser stellt sich dadurch die Frage: Inwieweit bestimmen wir unser Leben wirklich selbst? Sind die Freiheit und die vielen Möglichkeiten, die wir haben, nicht ein Trugbild? Kann man Marie dafür verurteilen, dass sie ihr Glück nicht selbst in die Hand nimmt und passiv bleibt?

Alle Details passen zu einem stimmigen Gesamtbild: Durch die Sonderstellung Maries sind abgründige Einblicke z.B. in die Welt des Königs, abseits des schönen Scheins, möglich. Wir haben teil an Maries Sexualleben genauso wie an ihren Überlegungen zu den Gegebenheiten der Natur. Sie ist, anders als Gustav, keine ausgebildete Gärtnerin. Aber sie beobachtet, wie sich die Insel verändert, wie der Mensch sie gestaltet und macht sich ihre eigenen Gedanken über die Menschen und über Naturgesetze. Über das, was gegeben ist und wie der Mensch die Natur gewaltsam beherrschen will. Schließlich ist sie selbst, als Kleinwüchsige, eine Art Ausstellungsstück – und zwar unfreiwillig. So stellt sie sich auch die Frage danach, inwiefern Individualität wirklich vom Menschen gewollt sein kann. Marie lebte in einer Zeit, in der sich die Menschen nach dem Fernen, dem Exotischen sehnten. Doch warum taten sie das? Im Kontext des Romans könnte eine Antwort sein: Sie kommen auf die Insel, um alles Abnorme zu betrachten und dann wieder beruhigt nach Hause fahren zu können mit der Gewissheit: Ich bin normal. Für Marie hingegen ist die Insel mit all ihren Abnormitäten normal. Wer ist also im Recht?

Die Industrialisierung nimmt ihren Lauf, während Marie abgeschottet auf der Insel lebt. Als die Eisenbahn und die Fabriken ihr Leben einholen, ist sie schon alt. Sie registriert nur noch die Veränderungen, aber ihre Welt ist die der Vergangenheit, die den modernen Menschen abstoßende Natürlichkeit, die es zu beherrschen gilt.

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