Roger Willemsen: Das hohe Haus. Ein Jahr im Parlament

Cover_Hohe HausWas machen eigentlich die Abgeordneten im Deutschen Bundestag? Worüber und wie streiten sie sich und wie kommen sie zu Entscheidungen? Roger Willemsen hat ein Jahr lang das Parlament von der Zuschauertribüne aus beobachtet.

Für einen Romanleser wie mich dauert es einen Moment, darauf umzuschwenken, mal eben ein Sachbuch zu lesen. Es lohnt sich aber für jeden, der gerne mehr darüber erfahren möchte, wie in unserem Land Politik gemacht wird.

Willemsen gliedert das Buch so einfach wie gelungen: Er erzählt chronologisch nach Datum. Die Schilderung beginnt im Januar 2013 und endet im Dezember. Zunächst zählt Willemsen auf, was an dem jeweiligen Tag in den Medien besprochen wurde und kommt schließlich zu den wichtigsten Diskussionspunkten und -abläufen im Bundestag. Dabei teilt er unter anderem mit, wie voll die Ränge bei welchen Themen sind und wann und in welchem Umfang Vertreter der Bundesregierung zugegen sind. Die in ihrem Verlauf geschilderten Diskussionen sind teilweise hochspannend. Es kommt darauf an, wer gerade spricht, ob überhaupt zugehört wird. Auch die Unsachlichkeit der Zwischenrufe ist interessant. Wird doch dadurch deutlich, dass sachliche Diskussionen in der Politik scheinbar nicht möglich sind. Denn die Vertreter handeln für die Haltung ihrer Partei. Trotzdem erscheinen die Abgeordneten im Parlament sehr abgebrüht zu sein. Sie fühlen sich zum Beispiel gar nicht angesprochen, wenn sie vom Redner namentlich genannt werden. Sie tippen auf Handys, studieren ihre Akten. All das wird natürlich demonstrativ eingesetzt, um die Unwichtigkeit der Redner zu unterstreichen. Damit kann man sich in etwa vorstellen, wie schwer es auch unbekannte neue Gesichter haben müssen, sich zu etablieren und überhaupt wird allein dadurch klar: Politik ist ein hartes Geschäft voller Grabenkämpfe. Deswegen halte ich Willemsens Überlegungen zwischen den Beobachtungen sehr passend. Überlegungen dazu, inwiefern hier eigentlich das Volk vertreten wird. Inwiefern haben die Reden und Diskussionen etwas mit den Bürgern Deutschlands zu tun und werden unsere Vertreter uns gerecht? Spielen sie nicht ihr eigenes Spiel? Ist nicht alles schon vorher entschieden und die Debatte im Parlament nur reine Show? Aber für wen? Denn wer verfolgt schon regelmäßig Bundestagssitzungen? Was muss sich ändern und was kann sich überhaupt ändern, um eine gerechtere und volksnähere Politik zu betreiben? „Wenn die Politiker, die hier streiten, etwas verstehen vom Kämpfen, Unterwerfen, strategischen Auskontern, verstehen sie dann deshalb schon etwas von der Sache? Sind sie überzeugt und überzeugend?“

Willemsen gelingt mit diesen und ähnlichen Fragen der Spagat zwischen dem bloßen Schildern von Debatten und grundsätzlichen Überlegungen zur Politik in unserem Land. Nicht zuletzt ist auch dieser Bericht eine subjektive Wahrnehmung. Auch Willemsen ist kein neutraler Beobachter, sondern er kritisiert, wo er das Verhalten mancher Abgeordneter eben nicht versteht. Er hat eine Haltung, die er nicht verbergen kann, die aber die Schilderung an sich nicht stört.

Dieses Buch regt zum Nachdenken an, auch wenn man sich nicht so gut mit Politik auskennt. Für mich ist die interessanteste Erkenntnis Willemsens folgende: „Der gute Gedanke, die entschiedene Veränderungsabsicht, sie suchen sich […] schon jetzt Felder abseits des Parlaments, und sie werden sich im Zweifelsfall gegen dieses richten.“

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