Ljudmila Ulitzkaja: Das grüne Zelt

Ulitzkaja_23987_MR.inddGroße Romankunst zeichnet sich dadurch aus, dass dem Leser komplexe Zusammenhänge durch wenige Sätze einfach verständlich gemacht werden – und das kann Ljudmila Ulitzkaja, wie sie eindrucksvoll durch „Das grüne Zelt“ beweist.

Drei Freunde sind während ihrer Schulzeit unzertrennlich. Sie werden vor allem von dem Literaturlehrer geprägt. Später geht jeder seinen eigenen Weg und doch kommen sie immer wieder zusammen. Der Roman erzählt im Kern die Geschichte dieser drei, jedoch auch andere Schicksale zur Zeit des russischen Sozialismus. Handlungsort ist dabei fast ausschließlich Moskau. Ilja verschreibt sich dem Widerstand, ebenso wie seine Frau Olga, deren Eltern beide für das System arbeiten. Sanja kümmert sich nicht um Politik, sondern lebt für die Musik. Und Micha möchte Lehrer sein, gerät aber mit dem System in Konflikt und versucht sich deshalb auf anderen Wegen über Wasser zu halten. In Windeseile hat Ulitzkaja zwischen den Figuren komplexe Beziehungen aufgebaut und auch gleich neue Figuren mit alle ihren Besonderheiten eingeführt. Auf diese Weise kann man die vielen Figuren gar nicht miteinander verwechseln und der Leser ist immer gleich mitten im Handlungsgeschehen. Denn es geht auch um die Freundinnen von Olga, um die Eltern all der Figuren, um Familie und Bekannte… Man weiß nicht genau, wem man trauen kann, Menschen kippen von „antisowjetischen“ Denken zum „sowjetischen“ und umgekehrt – oder es scheint nur so. Teilweise schließen sich die Kreise. So heiratet zum Beispiel Tamara, eine gute Freundin Olgas, genau denjenigen, der Ilja, also Olgas Mann, bespitzelt. Um nur ein Beispiel zu nennen. Und genau dadurch wird klar, wie die russische Gesellschaft funktioniert. Aber irgendwie auch, wie alle Gesellschaften funktionieren, denn wo gibt es keine politischen Ränkeleien, wo sind Beziehungen unwichtig? Abgesehen davon wird genauso auch die ganz alltägliche russische Lebensweise beschrieben. Der Leser erfährt, mit wem die Figuren wo leben und was sie essen und trinken.

Bemerkenswert ist, dass die Handlung nicht chronologisch verläuft, sondern in den Zeiten springt. Als würden im Laufe des Buches immer mehr Mosaiksteine zusammengesetzt, die am Ende ein ganzes Bild ergeben. Erstaunlicherweise hat man trotzdem keine Mühe, der Handlung zu folgen. Es ist ein bisschen so, als würde man eine ältere Person zu ihrer Lebensgeschichte ausfragen: Immer wieder werden die Geschichten unterbrochen und beim nächsten Mal geht es weiter, entweder davor oder danach oder mit einem bestimmten Detail, das weiter ausgebaut wird.

Ljudmila Ulitzkaja hat einen großartigen Roman geschrieben über das Leben und Schicksale in der russischen Sowjetunion. Ein Roman, der es versteht, den Leser mitzunehmen in eine den meisten unbekannte Welt.

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