Donna Tartt: Der Distelfink

Cover_DistelfinkWas ist böse und was ist gut? Bin ich ein böser Mensch, wenn ich die Absicht habe, etwas Gutes zu tun und dann doch das Falsche tue? Und kann ich böse Taten durch gute Taten wiedergutmachen? Das sind einige der großen Fragen in Donna Tartts „Der Distelfink“.

Ein Junge geht mit seiner Mutter ins Museum. Was dann passiert, ist rational nicht erfassbar. Es gibt eine Explosion, durch die der Junge zum Halbwaisen wird. Kurz zuvor fällt ihm ein Mädchen auf, das mit seinem Onkel im Museum ist. Nach der Explosion wieder zu sich gekommen, spricht der Junge mit dem sterbenden Onkel des Mädchens. Durch eine Kurzschlussreaktion nimmt der Junge ein kleines, aber wertvolles Gemälde mit. Es folgen harte Jahre für den Jungen, der Theodore Decker heißt und den der Leser auf seinem Lebensweg begleitet. Da der Vater, ein Alkoholiker, Mutter und Kind schon länger verlassen hatte, kommt Theo zunächst bei der reichen, aber kühlen Familie seines Schulfreundes unter. Keine guten Bedingungen für einen Jungen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Mithilfe eines Ringes, den der verstorbene Mann Theo gegeben hat, findet er zu Hobie, einem Möbelrestaurator. Von ihm wird Theo nicht nur bekocht, sondern auch in die Geheimnisse der Möbelrestauration eingeweiht. Nun scheint es für den verstörten Jungen bergauf zu gehen. Bis schließlich Theos Vater auftaucht und Theo zu sich nimmt – von New York nach Las Vegas. Von hier an bekommt das Buch einen völlig neuen Ton. Theo gerät durch seine Umgebung auf Abwege. Oder doch eher, weil er die Veranlagung dazu hat?

Es ist die Faszination des Unsympathischen, die den Leser packt. Man möchte wissen, warum Theo so handelt, wie er handelt. Er versucht immer wieder, ein normales Leben zu führen oder besser gesagt: er gibt sich die größte Mühe, diesen Anschein zu wecken. Zunächst erzeugt der Roman eine harmlos-verträumte Stimmung und plötzlich fragt sich der Leser, wie Theo zu dem werden konnte, was er ist. Und doch hat man genau diesen Prozess verfolgt und müsste es sich eigentlich durch die geschilderten Geschehnisse und Entwicklungen erklären können. Der Leser wird mit dem Gegensatz von schicksalhaften Begegnungen, die romantisch wirken, und harter Realitäten konfrontiert. Ist so das Leben? Bewegen wir uns nicht immer mehr oder weniger zwischen romantisch verklärten Vorstellungen und rationalen Wahrnehmungen? Tartts Erzählweise ist sehr angenehm. Man merkt ihr den Einfluss der klassischen Moderne an. Seltsam mutet es deshalb an, dass die Handlung des Romans in den 90er Jahren beginnt und bis in unsere Gegenwart reicht. Der Großteil spielt im 21. Jahrhundert. Noch ein Punkt erinnert an die frühe literarische Moderne: die Handlung erinnert an Oscar Wildes berühmten Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“, in dem ein zunächst schöner junge Mann schließlich so sehr von einem ihn selbst darstellenden Gemälde besessen ist, dass er moralisch immer mehr verkommt. Damals ging es um die Frage, ob äußere und innere Schönheit wirklich zusammenhängen. Donna Tartt geht es vermutlich mehr darum, inwiefern wir in unserem Handeln von äußeren Umständen, sogar von Objekten beeinflusst werden. Ist es die Liebe zu einem Objekt, die uns alle Moral vergessen lassen kann?

Die US-Amerikanerin Donna Tartt hat für diesen Roman mit dem Originaltitel „The Goldfinch“ vor kurzem den Pulitzer-Preis, den wichtigsten Literaturpreis der USA, erhalten.

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