Mein neues Lieblingsbuch: „Vor dem Fest“ von Saša Stanišić

 

Eine MVor dem Fest von Saa Staniiilieustudie, wie sie besser nicht sein könnte: ein Dorf in der Uckermark. Es ist klar: wir sind das Dorf. Dabei ist gar nicht so klar, wer „wir“ sind. Die Dorfgemeinschaft? Alle Menschen, die jemals in dem Dorf lebten? Denn die Schilderungen der Gegenwart wechseln mit Dorfgeschichten aus der Vergangenheit ab. Diese sind alten Dokumenten entnommen, die in dem Archiv des Heimatvereins von Fürstenfelde – so heißt das Dorf – lagern. Interessanterweise gibt es nämlich einige Parallelen zwischen früher und heute. Steht die Zeit also still? Obwohl das Dorf durch die Folgen der Wende geprägt ist? Letzteres wird klar, wenn aus den Perspektiven verschiedener Bewohner erzählt wird. Die Bewohner treffen zusammen und gehen wieder auseinander und so erfährt der Leser innerhalb von nur 24 geschilderten Stunden so ziemlich alles über die Personen und eben über das Dorf. Die Bewohner kennen sich alle und werden immer älter. Die wenigen jungen sind weggegangen oder sind arbeitslos und trinken. Der Rest versucht, sich mit Landwirtschaft über Wasser zu halten. Und doch ist es idyllisch hier. Es gibt Touristen, zum Beispiel aus Berlin. Hier ist die Natur, der Ursprung, das Unberechenbare. Das Dorf ist aber gerade beschäftigt, denn hier findet alljährlich ein Fest statt und morgen ist es wieder soweit.

Hinzu kommt die interessante Stimmung, die die Sprache Saša Stanišićs geradezu hervorzaubert. Diese Sprache ist durchkomponiert und doch natürlich. Sie passt sich der Sprechweise der Figuren an und sie ist verspielt. Zum Beispiel wird Herr Schramm  geschildert als „ein Mann mit Haltung und mit Haltungsschaden“. Die Sätze sind überwiegend knapp gehalten und sitzen. Sie brennen sich ein ins Gehirn. Stanišić spielt mit der Sprache, indem er Sätze wiederholt, Wörter weglässt oder dazusetzt und den Sinn dadurch langsam wandelt oder ganz schnell. Nichts ist eben so, wie es scheint. Es schwebt immer ein Hauch Mysterium mit. Das Schildern der Figuren und der lapidaren Geschehnisse am Vorabend des alljährlichen Annenfestes erzeugt durch die Sprache eine hohe, geradezu bedrohlich Spannung. Doch diese wird immerzu mit komischen Elementen durchmischt, die die Figuren mit all ihren Macken liebenswert machen und am Ende hat der Leser tatsächlich selbst das Gefühl, er ist Teil dieses „wir“, von dem ständig die Rede ist. Und er versteht, was es bedeutet, eine Heimat zu haben. Und was es bedeutet, ihr treu zu bleiben. Und was das Dorfleben bedeuten kann. Und was das Dorfleben in der Uckermark bedeutet. Was das mit den Menschen macht. Das Faszinierendste an all dem ist, dass am Ende gar nicht so viel passiert. So erwartet man das ja auch vom idyllischen Leben auf dem Lande. Doch es ist immer kurz davor, dass etwas passiert. Schließlich ist das Annenfest da und alles verläuft ganz normal. Und wir – der Leser gemeinsam mit dem Dorf – atmen auf.

Dieses ungewöhnliche Buch hat übrigens im März den Preis der Leipziger Buchmesse erhalten.

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