Haruki Murakami: Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki

Cover_Haruki-murakami-die-pilgerjahreHaruki Murakami ist der wohl bekannteste japanische Schriftsteller der Gegenwart und hat eine entsprechende Fangemeinde. Für mich war „Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki“ der erste „Murakami“, den ich gelesen habe. Der Roman ist im Januar erschienen und wurde von Ursula Gräfe direkt aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt.

Das Buch erinnert unweigerlich an die Romantik.  Inwieweit hat sich Murakami mit der europäischen Romantik auseinandergesetzt? Ich weiß es nicht. Jedenfalls steht typischerweise ein junger lediger Mann im  Mittelpunkt des Geschehens. In diesem Fall handelt es sich zwar um einen bereits 36jährigen, aber heute ist man ja auch länger jung. Dass er der Meinung ist, er habe gerade seine große Liebe kennengelernt, veranlasst ihn dazu, seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Als Jugendlicher lebte Tazaki in einer märchenhaften Situation. Denn er hatte vier Freunde – exakt zwei Mädchen und zwei Jungen. Die fünf bildeten eine perfekte Gruppe, in der niemand benachteiligt wurde. Dann kam für alle das Studium und Tazaki entschied sich als einziger, die Heimatstadt Nagoya zu verlassen und nach Tokio zu gehen. Trotzdem gelingt es ihm, den Kontakt zu seinen Freunden zu halten – bis sie ihn  verstoßen, ohne einen Grund zu nennen. Für Tazaki ein Schock, den er nie überwindet. Nun, mit seinen 36 Jahren, ist er der Meinung, dass er die Liebe seines Lebens kennengelernt hat. Sie bringt ihn dazu, sich seiner Vergangenheit und dem Trauma zu stellen.

Tazaki hat lebhafte Träume, die sich manchmal mit seiner Realität zu vermischen drohen und damit ist jedenfalls klar, dass Träume Einfluss auf die Realität haben. Sehr romantisch ist auch, dass Tazaki in Tokio nach der Trennung von seinen Freunden eine Freundschaft zu einem anderen jungen Mann aufbaut. Dieser liefert eine sagenartige Geschichte, die mit der Geschichte Tazakis zu tun zu haben scheint – er selbst macht sich über die Geschichte Gedanken. Sie bestärkt ihn darin, dass er farblos sei. Das leitet er daraus ab, dass seine vier Freunde alle Farben in ihren Namen tragen, nur er nicht. Er kann seine vier Freunde einschätzen, nur sich selbst kann er nicht einordnen. Er findet sich selbst unauffällig und langweilig. Eine Kritik des 1949 geborenen Murakamis an die jüngere Generation? Jedenfalls wird durch diese Geschichte deutlich: das, wofür wir uns halten, beeinflusst unser Tun und Denken wesentlich. Auch wenn uns andere Leute ganz anders wahrnehmen. Am Ende ist klar, dass Tazaki sich ganz anders wahrgenommen hat, als seine Freunde ihn. Der Roman behandelt die Sensibilität der menschlichen Beziehungen, die durch komplexe Faktoren beeinflusst und bestimmt. Allerdings ist es nicht gerade ein Actionbuch, sondern eher ein Frauenbuch in dem Sinne, dass viel nachgedacht und sich unterhalten wird. Die Spannung besteht hauptsächlich darin, dass man zusammen mit Tazaki herausfindet, warum er von seinen Freunden verstoßen wurde. Dieses Rätsel wird noch geklärt, trotzdem ist das Ende etwas unvermittelt. Ob Tazaki schließlich endgültig mit seiner Traumfrau zusammenkommt, bleibt offen: „Was blieb, war nur das Rauschen des Windes im Birkenwäldchen.“

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