Daniel Kehlmann: F

Cover_fDaniel Kehlmanns jüngster Roman ist wieder große Klasse. Ganz so begeistert wie „Die Vermessung der Welt“ hat er mich aber nicht. Das könnte daran liegen, dass „F“ ernster und düsterer scheint. Auf alle Fälle jedoch ist er ein Lese-Muss!

Der Roman erzählt die Geschichte dreier Brüder und deren Vater. Man verfolgt die vier zunächst im Kindesalter der Söhne bei einem gemeinsamen Ausflug zu einem Hypnotiseur. Der Ausflug endet folgenschwer. Dann schwenkt die Kamera auf jeden einzelnen Bruder im Erwachsenenalter. Es scheint, als würde die Kamera heranzoomen, denn aus einem allwissenden Erzähler wird ein Ich-Erzähler. Der Leser steckt gleichsam in Martin. Dieser ist ein katholischer Priester geworden, ohne recht an Gott zu glauben. Die Erklärung für den fehlenden Glauben wird gleich am Anfang des Buches geliefert, bei dem Ausflug mit dem Vater. Außerdem leidet Martin an Fettleibigkeit, weil er  einfach nicht aufhören kann, zu essen. Dann zoomt die Kamera auf den erwachsenen Eric, der Anlageberater ist und sich gewaltig verspekuliert hat. Dazu kommen handfeste psychologische Probleme. Er kann sich weder vernünftig um Frau und Kind noch um die Geliebte kümmern, geschweige denn seine beruflichen Probleme in den Griff kriegen. Es gibt einen Berührungspunkt mit Martin, mit dem Eric sich zum Essen trifft. Zweimal in diesem Buch, denn zuvor wurde die Szene aus der Sicht Martins geschildert. Die zweite Schilderung sorgt für eine Erhellung der seltsamen Szene. Kehlmann spielt mit dem Fokus, mit Sichtweisen. Auf diese Weise zeigt er dem Leser immer nur einzelne Puzzleteile eines Bildes. Nun kann man schon ahnen, dass es im Folgenden um den dritten Bruder, Iwan, geht, der ein Kunstfälscher geworden ist. Wir kennen das Schema schon, langweilen uns aber keinesfalls. Denn mit Iwans Geschichte nimmt die Spannung noch einmal gewaltig zu. Was aus allen, einschließlich des Vaters wird, zeigt das Ende des Buches. Hier laufen alle Fäden zusammen. Das Gesamtbild ergibt sich erst nach und nach. Wie beim Vorgängerroman „Ruhm“ hängt alles mit allem zusammen. Der Leser muss die Anspielungen aber selbst registrieren. Dann ergibt sich ein rundes Bild. Das ist es, was Kehlmanns Roman „F“ und auch „Ruhm“ künstlich erscheinen lassen kann. Denn alles ist durchkomponiert bis ins Detail. Der Leser wird nicht durch Erklärungen auf die Dinge gestoßen, er muss selbst denken. Der große Knotenpunkt des Romans ist das Schicksal. Denn ständig wird die Frage aufgeworfen, was die Figuren so leben lässt, wie sie leben. Kehlmann seziert diese vier Lebensgeschichten, die der drei Brüder und die des Vaters, dessen Geschichte in jeder der drei großen Perspektiven auf die einzelnen Brüder immer wieder auftaucht, bis auch sie ein Bild ergibt. Die Geschichten werden so auseinander genommen, dass immer wieder die Frage aufgeworfen wird, inwiefern äußere Umstände oder doch der innere Wille die Figuren dazu gebracht haben, das zu werden, was sie sind und so zu handeln, wie sie handeln. Aber inwiefern wird der innere Wille von den äußeren Umständen beeinflusst? Kehlmann schildert ohne die geringste Deutung. Er zeigt, wie die Figuren beeinflusst werden. Eine ganz große, grundsätzliche Frage also, die die Menschen von Grund auf beschäftigt. Eine Antwort liefert das Buch nicht und kann es auch nicht. Denn eine Erklärung und Lösung muss jeder für sich selbst finden. Und wofür steht das F? Das wird im Buch erklärt…

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s